Die Karpokratische Kirch
Gemeinsamkeit und Gleichheit
Die Lehren des Carpocrates
Irenäus’ feindselige Darstellung der Karpokratianer ist die früheste und anschaulichste. Spätere Polemiken gegen sie in den folgenden Jahrhunderten waren kaum mehr als Kopien dieser Schrift. Marcellina selbst (die zwischen 150 und 165 n. Chr. in Rom Bekanntheit erlangte) könnte noch gelebt haben, als diese Polemik verfasst wurde. Der Text von Irenäus wird weitgehend unverändert wiedergegeben, jedoch von Marcellina II im Hinblick auf Kohärenz und Hervorhebung neu angeordnet.
[Einige Karpokratianer] verwenden äußere Zeichen und brandmarken ihre Jünger im Inneren des rechten Ohrläppchens. Aus [ihnen] ging auch Marcellina hervor, die unter [dem Episkopat von] Anicetus nach Rom kam (etwa 157 bis 168), und mit diesen Lehren des Karpokrates vernichtete sie Scharen.
[Marcellinas Karpokratianer (manchmal Marcellinisten genannt)] nennen sich selbst Gnostiker.
[Ihre Gnostiker] besitzen auch Bildnisse, einige davon gemalt, andere aus verschiedenartigen Materialien geformt; dabei behaupten sie, dass ein Abbild Christi von Pilatus zu jener Zeit angefertigt wurde, als Jesus unter ihnen weilte.
[Marcellinas Gnostiker] bekränzen diese Bildnisse und stellen sie auf zusammen mit den Bildnissen der Philosophen der Welt, das heißt mit den Bildnissen des Pythagoras und Plato und Aristoteles und der übrigen.
Die sinnliche Welt wurde von den schaffenden Mächten oder Baumeistern gemacht, die weit geringer sind als die unaussprechliche Kraft des unbekannten unerzeugten Vaters.
Sie verkünden auch, dass der „Ankläger" einer jener Engel ist, die in der Welt sind, den sie Satan nennen, und behaupten, dass er zu diesem Zweck gebildet wurde, damit er jene Seelen, die aus der Welt verloren sind, vor den Obersten Richter führe. Sie beschreiben ihn (Satan) auch als Oberhaupt unter den Weltenschöpfern und behaupten, dass er solche Seelen [wie erwähnt wurden] einem anderen Engel übergibt, einem Kerkermeister, der ihm dient, damit dieser sie in andere Körper einschließe;
denn sie erklären, dass der Körper „das Gefängnis" ist.
Sie bekräftigen, dass Jesus aus diesem Grund folgendes Gleichnis sprach: „Solange du mit deinem Widersacher auf dem Weg bist, gib allen Fleiß daran, dass du von ihm befreit wirst, damit er dich nicht dem Richter übergibt und der Richter dich dem Gerichtsdiener überantwortet und dieser dich ins Gefängnis wirft. Wahrlich, ich sage dir, du wirst von dort nicht herauskommen, bis du den allerletzen Heller bezahlt hast."
Sie erachten es daher als notwendig, dass die Seelen durch Seelenwanderung von Körper zu Körper jede Art von Leben sowie jede Art von Handlung erfahren sollen.
Sie halten auch daran fest, dass Jesus der Sohn Josephs war und genauso wie andere Menschen war,
Aus diesem Grunde stieg eine Macht vom Vater auf ihn herab, damit er durch sie den Schöpfern der Welt entfliehen könne; und sie sagen, dass diese, nachdem sie durch sie alle hindurchgegangen und in allen Punkten frei geblieben war, wieder zu ihm aufstieg und zu den Mächten, die auf gleiche Weise ihresgleichen umfassten.
Sie erklären weiter, dass die Seele Jesu, obwohl in den Bräuchen der Juden erzogen, diese mit Verachtung betrachtete,
Die Seele also, die der Christi gleich ist, kann jene Herrscher verachten, welche die Schöpfer der Welt waren, und empfängt in gleicher Weise Macht zur Vollbringung derselben Werke.
Diese Vorstellung hat sie zu solcher Höhe des Stolzes erhoben, dass einige von ihnen sich Jesus ähnlich erklären; während andere, noch mächtiger, behaupten, dass sie seinen Jüngern überlegen seien, wie Petrus und Paulus und den übrigen Aposteln, die sie in keiner Hinsicht Jesus unterlegen betrachten.
Denn ihre Seelen, die aus derselben Sphäre wie die seine herabsteigen und daher in gleicher Weise die Schöpfer der Welt verachten, werden derselben Macht würdig erachtet und kehren wieder an denselben Ort zurück. Wenn aber jemand die Dinge dieser Welt mehr verachtet hat als er, so erweist er sich dadurch als ihm überlegen.
Ich kann kaum glauben, dass all die gottlosen, unrechtmäßigen und verbotenen Dinge, von denen wir in ihren Büchern lesen, wirklich unter ihnen getan werden.
Und in ihren Büchern lesen wir folgendes, dies ist ihre eigene Erklärung [ihrer Ansichten],
'Wir werden wahrlich durch Glauben und Liebe gerettet; aber alle anderen Dinge sind, während sie ihrer Natur nach gleichgültig sind, durch die Meinung der Menschen gerechnet—einige gut und einige böse, wobei nichts von Natur aus wirklich böse ist.'
So zügellos ist ihr Wahnsinn, dass sie erklären, sie hätten alle Dinge, die religionslos und gottlos sind, in ihrer Macht und seien frei, sie zu praktizieren; denn sie behaupten, dass Dinge böse oder gut sind, einfach kraft menschlicher Meinung.
Sie praktizieren auch magische Künste und Beschwörungen; ebenso Zaubertränke und Liebestränke; und nehmen Zuflucht zu vertrauten Geistern, traumsendenden Dämonen und anderen Gräueln, wobei sie erklären, dass sie Macht besitzen zu herrschen über, sogar jetzt, die Fürsten und Gestalter dieser Welt; und nicht nur über sie, sondern auch über alle Dinge, die in ihr sind.
Diese Menschen, gleich den Heiden, wurden von Satan gesandt, um den Namen der Kirche zu schänden—damit Außenstehende, die ihre Lehren hören und annehmen, alle Christen seien gleich, sich von der Wahrheit abwenden würden; oder die ihren Wandel sehen, uns alle verurteilen würden.
Wir teilen nichts „in Gemeinsamkeit" mit ihnen: weder Lehre noch Moral noch Lebensweise.